Stefan Ustorf: „Das ist mit Sicherheit der absolute Tiefpunkt“

Nun sind ein paar Stunden seit dem 0:7-Debakel der Eisbären Berlin gegen die Adler Mannheim vergangen. Die Wut und die Enttäuschung sitzen jedoch immer noch sehr tief. Nach dem gestrigen Spiel stand Stefan Ustorf, der Leiter für Spielerentwicklung und Scouting, den Fans Rede und Antwort beim Fantalk nach dem Spiel. Und der ehemalige Eisbären-Star nahm dabei auch kein Blatt vor den Mund und machte seine Enttäuschung über die momentane Situation mehr als deutlich:

Ich bin jetzt seit 2004 hier und das ist mit Sicherheit der absolute Tiefpunkt, da brauchen wir nicht um den heißen Brei herum reden. Was im Augenblick passiert ist der absolute Tiefpunkt. Wir müssen jetzt zusammen, aber wirklich nur zusammen, Wege finden, um uns aus dieser Situation herauszuarbeiten. Arbeit ist glaub ich das absolut richtige Stichwort dafür. Es ist Arbeit, Arbeit, Arbeit. Jeder Einzelne muss in den Spiegel schauen, muss aufhören mit den Fingern zu zeigen, muss sich selber hinterfragen, ob er alles, was ihm möglich ist, tut, um aus dieser Situation herauszukommen. Es geht nur über malochen.

Dabei musste man der Mannschaft gestern Abend zu Gute halten, dass das erste Drittel nicht schlecht war, die Jungs gut spielten und sich auch richtig gute Torchancen erspielten. Nur konnten sie diese nicht nutzen und kassierten dann aus dem Nichts heraus das 0:1, was letztendlich der Anfang vom Ende war. Von da an war die Verunsicherung wieder zurück in den Köpfen der Spieler und sie ergaben sich ihrem Schicksal. Stefan Ustorf dazu:

Wir hatten im ersten Drittel mit Sicherheit ein Chancenplus, hatten die besseren und klareren Torchancen. Haben dann mit dem zweiten Schuss gegen uns gleich das 1:0 bekommen. Aber im ersten Drittel eigentlich ein solides Drittel gespielt. Wir sind dann aber aufgrund dieser zwei Gegentore auch mental wieder komplett auseinander gefallen. Wir haben dann wieder grobe, individuelle Fehler gemacht. Die Fehler, die wir machen, sind einfach nicht akzeptabel. 

Mit der Kritik waren aber keinesfalls die jungen Burschen um Vincent Hessler, Charlie Jahnke, Maximilian Adam, Erik Mik, Cedric Schiemenz und Nino Kinder gemeint. Viel mehr nimmt Ustorf die erfahrenen Spieler, die vermeintlichen Leistungsträger in die Pflicht, aber von denen ist derzeit nichts, aber auch wirklich rein gar nichts zu sehen:

Wir haben sieben Spieler heute in der Aufstellung gehabt, die 20 Jahre oder jünger sind. Da kann ich keinem Einzelnen einen Vorwurf machen. Die Jungs gehören hier noch nicht her in diesem Augenblick. Mir wäre es viel lieber, wenn die Alle eine komplette Saison in der zweiten Liga spielen könnten und sich entwickeln. Die sind einfach noch nicht so weit. Wir sind gezwungen, sie in dieser jetzigen Situation zu benutzen. Wir haben zehn Verletzte, das ist nun mal ein Fakt. Aber dann muss ich von meinen erfahrenen Spielern auch erwarten können, dass sie in so einer Situation die Führungsrolle übernehmen und eben nicht diejenigen sind, die die Fehler machen. Und das war heute leider nicht der Fall.

Und Ustorf führte sein Fazit über die jungen Spieler noch weiter aus, machte noch einmal deutlich, wie zufrieden er mit denen war:

Eric Mik hat seine Zweikämpfe zum großen teil gewonnen, hat wenig Fehler gemacht. Nino ist 17 Jahre alt und macht heute sein erstes Spiel gegen Mannheim, schießt beinahe ein Tor. Natürlich sind da Momente dabei, wo er auf verlorenen Posten ist. Das ist ja auch Wahnsinn, irgendetwas anderes von ihm zu erwarten. Aber wie gesagt, von den Jungs kann man keinem einen Vorwurf machen. Sie haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten wirklich das Maximum herausgeholt, aber das kann man eben nicht von allen sagen.

0:4 lagen die Eisbären nach 40 Minuten hinten. Auf die Frage, wie man dann als Spieler in so ein Schlussdrittel gehen müsste, antwortete Stefan Ustorf sehr ausführlich. Und er weiß, wovon er redet, schließlich war Ustorf zu Spielerzeiten keiner, der ein Spiel frühzeitig verloren gab und aufgegeben hatte, Ustorf kämpfte immer bis zur letzten Sekunde, nur das tut seine aktuelle Mannschaft überhaupt nicht:

Es fängt meiner Meinung nach mit der Körpersprache an. Es fängt damit an, dass ich das ganze Stadion und den Gegner sehen lasse, wie schlecht es mir im Augenblick geht, wie leid ich mir selber tue, wie frustriert das alles ist. Wenn ich nur so in der Gegend herum fahre, dann baut sich Mannheim natürlich daran auf. Es wird dir von klein auf bei gebracht, konzentriere dich auf die kleinen Dinge, auf deinen nächsten Wechsel, auf deine nächste Situation. Geh aufs Eis, du hast einen Job beim Bully, erfüll den Job. Mehr nicht, mach dir keinen Kopf darum, was in 17 Minuten oder so ist. Sondern mach den Job, den du da hast und bau Stein auf Stein auf und arbeite dich so in ein Spiel zurück. Aber die Frustration ist ja wirklich jedem auch anzusehen und das ist schon mal ein Riesenfehler meiner Meinung nach. 

Morgen Nachmittag reisen die Eisbären erneut nach Wolfsburg zum „Rückspiel“ in die Autostadt. Dort verlor man vor einer Woche mit 2:4 und zeigte lediglich zehn Minuten eine kämpferische Leistung und kam nach einem 0:3 noch einmal auf 2:3 heran. Stefan Ustorf nimmt nun die Führungsspieler in die Pflicht, von denen muss nun mal ein Signal kommen. Doch ob dieses kommen wird, bleibt wohl auch für ihn fraglich, jedenfalls ist er im Moment mehr als enttäuscht über die aktuelle Situation in Berlin:

Jetzt sind die Führungsspieler gefragt, da ist jetzt die Gruppe der Leader gefragt, die jetzt in dieser Kabine die Arbeit zu leisten haben. Die außer ihnen keiner leisten kann. Es ist kein anderer in der Kabine außer den Spielern, die wir jetzt haben und das heißt, dass diejenigen auch dafür verantwortlich sind, was in der Kabine passiert und was dann aus dieser Kabine herauskommt. Und die Führungsspieler oder alle zusammen, ist mir auch völlig Wurscht wenn das jetzt ein 20-jähriger ist, der dann die richtigen Sachen macht. Aber irgendjemand muss anfangen, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für seine eigene Leistung übernehmen und dann kann man darauf aufbauen. Aber es muss auch mal irgendetwas kommen, es muss ein Zeichen kommen aus dieser Kabine heraus, dass man mit dieser Situation nicht zufrieden ist. Im Augenblick ergibt man sich, ich sehe kein Aufbäumen, ich sehe nichts, ich sehe niemanden, dem ich ansehe, dass ihn das vielleicht stört. Es ist wahnsinnig enttäuschend im Moment.

Und Stefan Ustorf griff die Mannschaft weiter an:

Es steht im Moment keine Einheit auf dem Eis. Ich habe nicht das Gefühl, dass jeder für jeden arbeitet. Keiner ist bereit, Verantwortung für seine eigene Leistung zu übernehmen. 

Foto: eisbaerlin.de/niklas

Hut ab vor Stefan Ustorf, der sich gestern Abend nach dem 0:7 gegen Mannheim den Fans stellte und auch die Fragen sehr geduldig und sachlich beantwortete und eine schonungslose Analyse über die derzeitige Situation abgab. Man kann nur hoffen, dass er diese Sachen auch den Spielern so direkt ins Gesicht gesagt hat und dass diese endlich aufwachen und anfangen zu kämpfen. Denn Worte haben wir Fans in dieser Saison schon zu oft gehört, es ist nun mal an der Zeit, dass den Worten auch Taten auf dem Eis folgen und die Spieler wieder für die Eisbären Berlin alles geben, bis zum Ende des Spiels kämpfen und zeigen, dass sie das Spiel gewinnen wollen. Lustlos über das Eis sind sie jetzt lange genug geschlittert, fangt endlich an, wieder Eishockey zu spielen.