Schlechtester Angriff der Liga und Tabellenletzter: Es fehlt ein echter Torjäger in den Reihen der Eisbären Berlin

Sieben Spieltage ist die neue Saison in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) inzwischen alt und die Eisbären Berlin finden sich, wenn auch mit einem Spiel weniger, am Tabellenende wieder. Mit nur fünf Punkten aus sechs Spielen und einem Torverhältnis von 11:19-Toren. Man konnte bisher nur einmal nach regulärer Spielzeit gewinnen und zudem einmal nach Verlängerung, beide Siege gelangen auf heimischen Eis. Dazu kommen vier Niederlagen nach 60 Minuten, alle auf fremden Eis kassiert. Vom Saisonziel, einen Platz unter den Top-4, ist man momentan weit entfernt.

Dabei spielt man ja kein schlechtes Eishockey, man erspielt sich ja sogar jede Menge Torchancen, aber man vergibt eben auch eine Reihe bester Torchancen. Was zum einen am gegnerischen Torhüter liegt, aber meistens auch an den Spielern der Berliner selbst. Kein Wunder also, dass man in der Tabelle der Torschusseffizienz ebenfalls das Tabellenende ziert. Von 191 Schüssen gingen gerade einmal elf ins Tor, was einer Quote von gerade einmal 5,76 Prozent entspricht. Das ist eines Top-Teams mehr als unwürdig. Und als dieses sehen sich die Eisbären ja nach wie vor.
Nur wenn man vorne keine Tore schießt, kann man auch keine Spiele gewinnen. Und eigentlich verfügen die Berliner ja auch über Spieler in ihren Reihen, die Tore schießen können. Oder über solche, die extra dafür geholt wurden vor der Saison. Ich sage nur Leo Pföderl, dessen Torausbeute in den letzten Jahren in Nürnberg immer zweistellig war. So sah das dann in Zahlen aus: 19,33,22,21,18,10.
Aktuell steht die Nummer 93 bei einem Tor und einer Vorlage aus sechs Spielen. Zu wenig für einen Spieler seines Kalibers.

Es ist wohl mehr als bezeichnend, dass seit gestern Abend ausgerechnet Youngster Lukas Reichel der neue teaminterne Top-Scorer ist. Das 17-jährige Ausnahmetalent steht derzeit bei zwei Toren und zwei Vorlagen, führt zusammen mit James Sheppard (1 Tor/3 Vorlagen) die Top-Scorer-Wertung der Berliner an. Weil Reichel zwei Tore erzielt hat, wird er morgen Abend in Augsburg erstmals den roten Helm des Top-Scorers tragen.
Von den anderen, vermeintlichen Leistungsträgern, kommt deutlich zu wenig. Bis auf Noebels und Reichel hat kein Spieler mehr als einmal getroffen, Spieler wie Kapitän André Rankel, Louis-Marc Aubry oder Mark Olver stehen sogar gänzlich ohne eigenen Treffer dar. Maxim Lapierre, der in der Vorbereitung glänzte, steht aktuell auch nur bei einem Tor und einer Vorlage.
Auch von der Verteidigung kommt keine Gefahr, ein mickriges Törchen durch Frank Hördler steht für die Defensive zu Buche. Da hat man sich vor der Saison mehr Durchschlagskraft erhofft, aber ein Ryan McKiernan, dem immerhin zwei Assists bisher geglückt sind, steht aktuell bei -5 in der Plus/Minus-Statistik.

Was den Eisbären im aktuellen Kader fehlt? Ein echter Knipser, der die Scheiben vorne eiskalt versenkt. Einer, wie es in den vergangenen Jahren Jamie MacQueen war. Die ehemalige Nummer 17 der Hauptstädter war aber bekannt dafür, nach hinten nicht so gut mitzuarbeiten und bekam deshalb keinen neuen Vertrag in der Hauptstadt. In Schwenningen läuft es aktuell schon wieder sehr gut für „Queener“, erzielte er doch bereits acht Tore und bereitete vier weitere Treffer vor, ist damit Top-Scorer der Wild Wings und ligaweit der zweitbeste Scorer. Und man höre und staune, seine Statistik weist eine +/-0 auf, er hat also dazugelernt. Und genau so einen Torjäger könnten die Eisbären aktuell gebrauchen, will man das Tabellenende irgendwann einmal verlassen.

Aber nicht nur die Chancenverwertung ist ein großes Problem der Berliner, nein, auch die Sache mit der Disziplin ist nach wie vor aktuell in Berlin. Die Eisbären kassieren die drittmeisten Strafzeiten der Liga, kassierten neun ihrer 19 Gegentore in Unterzahl. Bei 5-gegen-5 sieht es also nicht so schlecht aus, aber die Eisbären verlieren ihre Spiele zumeist auf der Strafbank. Dieses Problem ist auch hinlänglich bekannt und man gelobt immer wieder Besserung. Doch den Worten folgten bisher kaum bzw. selten Taten auf dem Eis, stattdessen fand man sich in schöner Regelmäßigkeit weiterhin in den Kühlboxen Deutschlands ein.
Generell die Special Teams sind ein Hauptproblem bei den Berlinern, stellt man doch mit mickrigen zwei Törchen aus 30 Überzahlsituationen das schlechteste Powerplay der DEL.

Die Saison ist zwar noch jung, aber der aktuelle Trend ist aus Sicht der Eisbären Berlin keinesfalls schön. Was natürlich Hoffnung macht ist der Fakt, dass sie über weite Strecken ja durchaus gutes Eishockey spielen, sich die Torchancen erspielen. So sah es gestern Abend auch Verteidiger Kai Wissmann nach dem Spiel am Seilersee, als er meinte, es wäre schlimm, wenn man sich keine Chancen erspielen würde. Aber man erspielt sich ja welche, nun muss man diese nur noch nutzen. Und ich denke auch, dass die Eisbären momentan nur das Pech am Schläger kleben haben. Wenn da mal ein, zwei „dreckige Tore“ fallen, dann kann das den viel zitierten Ketchupflaschen-Effekt auslösen und dann könnten die Eisbären in Fahrt kommen. Denn sie werden erst wieder Spiele gewinnen können, wenn sie vorne die Tore eiskalt machen werden.
Aber nicht nur die Chancenverwertung muss besser werden. Nein, man muss endlich aufhören, teilweise echt dumme Strafzeiten zu nehmen und sich somit um die Chance zu bringen, Spiele zu gewinnen. Denn jede Unterzahlsituation kostet Kraft und je mehr man in Unterzahl spielt, desto geringer werden die Siegchancen.
Die Mannen von Chefcoach Serge Aubin müssen zurück zum einfachen Eishockey finden. Sie müssen hinten kompakt stehen, die vielen kleinen Fehler abstellen, diszipliniert spielen und vor dem Tor ihre Kaltschnäuzigkeit wieder finden, dann kann man aus dem Tabellenkeller kommen. Das Gute ist ja, dass jede Mannschaft so ein Tal während einer langen DEL-Saison mal durchmachen muss. Insofern vielleicht gar nicht so schlecht, dass die Eisbären dieses zu Beginn der Saison durchmachen. Dann sind sie zum Saisonhöhepunkt voll da…
Aber das Wort Krise würde ich dennoch nicht in den Mund nehmen, denn es sind gute Ansätze da und woran es hapert, weiß auch jeder. Jetzt wird es Zeit, daran zu arbeiten und dann werden sich die Erfolge auch wieder einstellen. Vielleicht ja schon morgen Abend bei den Augsburger Panthern.